Das Rastersystem ist das meistunterschätzte Werkzeug im Design: eine unsichtbare Konstruktion, durch die Katalog, Buch oder Website zu einem stimmigen Ganzen werden.
Im Folgenden finden Sie eine Schritt-für-Schritt-Methode, die Sie mit unseren kostenlosen Tools in einer Viertelstunde durchlaufen. Jeder Schritt enthält einen Link, der das Tool mit den fertigen Einstellungen aus diesem Beispiel öffnet: einem A4-Katalog.
Schritt 1. Format und Medium
Beginnen Sie mit der Frage, wo das Projekt betrachtet wird: Druck oder Bildschirm, A4 oder Smartphone, in der Hand oder aus der Entfernung. Das Format steckt den Rahmen für alle weiteren Entscheidungen ab: Seitenproportionen, mögliche Stege, Breite des Satzspiegels und Spielraum für sinnvolle Spalteneinteilungen. Die konkrete Spaltenzahl ergibt sich erst aus der Art des Inhalts, dem Schriftgrad, der Schriftart und der angestrebten Zeilenlänge.
Die Maßeinheiten wählen Sie passend zum Medium: im Druck meist Millimeter und Punkt, bei Bildschirmprojekten CSS-Einheiten wie px, rem, em oder ch.
Rastergenerator mit Format A4 öffnen
Schritt 2. Stege: Kanon oder bewusste Entscheidung
Die Stege legen den Satzspiegel fest, also das Rechteck, in dem der Text Platz findet. Dabei haben Sie zwei Wege: auf einen fertigen Kanon zurückgreifen oder selbst entscheiden, ausgerichtet am Verwendungszweck der Publikation.
Ein Kanon ist keine einzelne Zahl, sondern ein Satz von drei proportionalen Regeln. Erstens sind die Stegmaße Bruchteile der Seitenmaße und keine Millimeterwerte, sodass dasselbe Rezept auf jedem Format funktioniert. Zweitens wachsen die Stege in fester Reihenfolge: am schmalsten ist der Bundsteg, dann folgt der Kopfsteg, danach der Außensteg, am breitesten ist der Fußsteg. Drittens behält der Satzspiegel bei der Konstruktion nach Van de Graaf die Proportion der Seite bei und wiederholt so ihre Form in kleinerem Maßstab. Die Formel 2:3:4:6 ergibt denselben Effekt nur bei einer Seite im Verhältnis 2:3; bei A4 hat der Satzspiegel bereits eine andere Proportion als die Seite.
Diese Regeln sind nicht am Schreibtisch erfunden worden, auch wenn bei ihrer Herkunft Vorsicht angebracht ist. In alten Handschriften und frühen Drucken sind die Proportionen des Satzspiegels mitunter auffällig regelmäßig, und Mitte des 20. Jahrhunderts wurden geometrische Konstruktionen vorgeschlagen, die auf den Diagonalen von Seite und Doppelseite beruhen und diese Anordnungen nachbilden. Es handelt sich um Rekonstruktionen: Wir wissen nicht sicher, ob die früheren Buchgestalter tatsächlich genau so konstruiert haben. Beschrieben und popularisiert hat sie Jan Tschichold in seinem Essay über die Proportionen des Buches aus der Mitte der Fünfzigerjahre. Die praktische Begründung ist einfach: Die Doppelseite betrachten wir als ein Ganzes, sodass sich die Bundstege, die am Buchrücken aufeinandertreffen, optisch addieren und deshalb schmaler sein müssen. Der Fußsteg ist am breitesten, weil die Seite optisch absinkt und der Leser dort mit den Daumen aufliegt.
Van de Graaf teilt die Seite in Neuntel: Der Bundsteg beträgt 1/9 der Breite, der Außensteg 2/9, der Kopfsteg 1/9 der Höhe, der Fußsteg 2/9. Bei einer Seite im Verhältnis 2:3 ergibt das die Relation 2:3:4:6 in der Reihenfolge Bundsteg, Kopfsteg, Außensteg, Fußsteg, also die von Tschichold beschriebene Anordnung. Beide Verfahren sind also nicht unabhängig: Bei einer 2:3-Seite führen sie zur selben Lösung, und unser Beispiel mit 160 × 240 mm hat genau diese Proportion. Das Ergebnis sind großzügige, luftige Stege und ein Satzspiegel in der Proportion der Seite.
Der zweite Weg ist die Entscheidung, also eigene, auf die Aufgabe zugeschnittene Stege. Sie greifen darauf zurück, wenn die Publikation kein Buch zum längeren Lesen ist: Bei Katalog, Flyer, Bericht oder Bildschirmprojekt gibt der Kanon meist zu viel Fläche ab. Die Entscheidung bedeutet aber keine Beliebigkeit, denn sie ergibt sich aus konkreten Vorgaben: wie viel Inhalt auf die Seite passen muss und ob Ihnen an Papierersparnis gelegen ist; wie die Publikation gebunden wird, denn eine Klebebindung nimmt einen Teil des Bundstegs weg und dieser muss verbreitert werden; ob Grafiken bis zum Rand laufen, was einen Anschnitt erfordert und den Eindruck der Stegbreite verändert; welche festen Elemente auf der Seite Platz finden müssen, von Pagina und lebendem Kolumnentitel bis zum Barcode oder rechtlichen Fußtext; und schließlich, wie der Leser die Publikation hält und wo deshalb kein Inhalt stehen sollte.
Praktischer Hinweis: Statt runder 20 mm einzutragen, wählen Sie eine Proportion und halten Sie sich konsequent im gesamten Projekt daran. In unserem Beispiel des A4-Katalogs entscheiden wir uns für symmetrische Stege von 16,8 mm, bei denen der Satzspiegel etwa 70 bis 75 Prozent der Seitenfläche einnimmt. Der Generator zeigt diesen Anteil laufend an, sodass Sie sofort sehen, wie viel Fläche Sie dem Weißraum überlassen und wie viel für den Inhalt bleibt.
Tschicholds Kanon an der Doppelseite eines 160 × 240-Buchs ansehen
Schritt 3. Zeilenabstand als Rastereinheit
Die wichtigste Entscheidung im gesamten Prozess: Der Zeilenabstand des Grundtextes wird zur Einheit des Grundlinienrasters. Text in 10 pt mit einem Zeilenabstand von 12 pt bedeutet ein Raster im Abstand von 12 pt, also 4,233 mm. Von diesem Moment an messen wir alles, was eine Höhe hat, in Zeilen: Satzspiegel, Module, Bilder, Abstände.
Dadurch behalten die Zeilen in benachbarten Spalten einen gemeinsamen Rhythmus, und bei konsequentem Satz von Recto und Verso liegen die Textzeilen auf beiden Seiten des Blattes auf derselben Höhe, was das visuelle Durcheinander durch das Durchscheinen dünnen Papiers verringert.
Das Tool passt den Satzspiegel auf zwei wählbare Arten an eine ganze Zeilenzahl an. Die erste verschiebt die überschüssige Höhe in den Fußsteg und zeigt an, um wie viel er dadurch größer wird. Die zweite lässt die Stege unverändert, was bei Kanons wichtig ist, und korrigiert den Zeilenabstand minimal. Fehlt zum Auffüllen des Feldes mindestens eine Zeile, schlägt das Tool Zeilenzahlen vor, die ohne Rest hineinpassen.
Schritt 4. Spalten und Zeilenlänge
Die Spaltenzahl ergibt sich aus dem Inhalt, nicht aus der Mode. Für Fließtext empfiehlt es sich meist, 45 bis 75 Zeichen pro Zeile anzustreben, mit einem Mittelwert bei etwa 66, und die Korrektur je nach Schriftart, Schriftgrad und Charakter der Publikation vorzunehmen. Schmale Magazinspalten sind oft deutlich kürzer und können bei 35 bis 50 Zeichen sehr gut funktionieren.
Zwölf schmale Spalten bedeuten nicht zwölf Textspalten, sondern eine flexible Einteilung: Der Text nutzt 3, 4 oder 6 davon, Bilder eine beliebige Anzahl. Das Tool schätzt die Zeichenzahl pro Zeile für eine einzelne Spalte, ausgehend von einer durchschnittlichen Zeichenbreite von 0,47 Geviert, und schlägt vor, wie viele Spalten zusammengelegt werden müssen, um in den angenehm lesbaren Bereich zu gelangen. Das ist eine Annäherung: Eine konkrete Schriftart kann ein um einige Zeichen abweichendes Ergebnis liefern.
Schritt 5. Module in ganzen Zeilen
Module entstehen an der Schnittstelle von Spalten und Zeilenreihen: Die Unterteilung des Satzspiegels in Zeilen verwandelt die Spalten in ein Rasterfeld. Man findet Anordnungen mit 8, 20 oder 32 Modulen, das sind aber Beispiele und kein Kanon; ebenso gut funktionieren 12 oder 24. Die praktische Regel lautet: Die Höhen der Module und die Abstände zwischen ihnen sollten als ganzzahliges Vielfaches der Grundlinienraster-Einheit ausgedrückt werden. Eine klassische und sehr bequeme Lösung ist ein Abstand von einer Zeile, wobei auch zwei oder mehr vorkommen. Dann endet ein Bild, das zwei Module in der Vertikalen einnimmt, auf derselben Höhe wie der Text daneben.
20-Felder-Raster (4 × 5) auf A4 öffnen
Schritt 6. Bilder im Raster
Ein Bild sollte ganze Module einnehmen: 1 × 1, 2 × 1, 2 × 2, 3 × 2 und so weiter. Die Bildkanten sollten sich konsequent an den Modulgrenzen und am Zeilenrhythmus orientieren. Der zuverlässigste Bezugspunkt ist die Modulgrenze: Die untere Bildkante deckt sich mit der unteren Kante des Feldes, also mit der Grundlinie der letzten Zeile, die darin Platz findet. In klassischen Abhandlungen findet sich zusätzlich die Ausrichtung der oberen Kante an der Versalhöhe des benachbarten Textes; wählen Sie eine Konvention und halten Sie sich in der gesamten Publikation daran.
Die Spannweitentabelle im Generator gibt die Maße und Proportionen von Blöcken mit bis zu vier Spalten und vier Zeilenreihen an, also die sechzehn häufigsten Formate. Der Fotograf oder Retuscheur weiß dadurch, wie zugeschnitten werden muss, noch bevor der Satz beginnt.
Schritt 7. Typografie auf demselben Raster
Ein Raster ohne Schrift bleibt leer. Die Schaltfläche Schrift zu diesem Raster wählen überträgt Zeilenabstand, Schriftgrad und Spaltenbreite an das Typografie-Tool, das eine vollständige Hierarchie aufbaut: Bildunterschrift, Text, Lead und drei Überschriftenebenen.
Die Zeilenabstände der einzelnen Hierarchieebenen beziehen sich auf das Grundmodul: Sie können ein ganzzahliges oder, bei einem flexibleren Raster, ein halbzeiliges Vielfaches davon sein. Die Aufteilung in Halbzeilen ist eine moderne Erweiterung des klassischen Modells, in dem Halbzeilen vermieden wurden; in unserem Tool halten Text und Bildunterschriften ganze Zeilen ein, während Lead und Überschriften auf einer Halbzeile stehen können. Das Tool berechnet nur die Zeilenabstände selbst und überwacht weder die Höhe ganzer Blöcke noch die Abstände davor und danach; für die Rückkehr auf die volle Zeile muss der Gestalter sorgen.
Typografie-Tool mit den Einstellungen dieses Katalogs öffnen (sechsspaltiger Satz)
Schritt 8. Prüfung und Export
Stellen Sie sich zum Schluss vier Fragen: Ist die Überschriftenhierarchie deutlich erkennbar, bleibt der kleinste Text in der Zieltechnologie komfortabel lesbar, hat der Fließtext die richtige Zeilenlänge, und kehren die Elemente konsequent zum Rhythmus des Rasters zurück?
Das Tool warnt, wenn die Bildunterschrift im Druck unter 7 pt oder auf dem Bildschirm unter 12 px fällt. Das sind im Rechner festgelegte Warnwerte und keine Normen: 7 pt kann in einer Schrift mit großer x-Höhe auf gutem Papier hervorragend lesbar sein und bei einer feinen Schrift auf saugfähigem Papier versagen, und die Richtlinien zur Barrierefreiheit von Websites legen keinen Mindestschriftgrad fest: Sie verlangen eine Textvergrößerung auf 200 Prozent ohne Inhaltsverlust und einen korrekten Layoutfluss bei einer Breite von 320 CSS-Pixeln.
Wenn alles stimmt, exportieren Sie das Raster als Vorlage für das DTP-Programm, PDF im Maßstab 1:1 (Unterlage und Kontrollausdruck), SVG oder CSS Grid mit Variablen für die Website. Den Link zur Konfiguration können Sie an Mitarbeiter senden: Er öffnet das Tool genau in diesem Zustand.
Wenn das Projekt aus der Ferne betrachtet wird
Plakat, Standwand oder Banner folgen einer anderen Logik: Über die Lesbarkeit entscheidet der Sehwinkel, nicht der Schriftgrad. Für eine einfache, kontrastreiche Aufschrift lässt sich die orientierende Versalhöhe gerade aus dem Sehwinkel berechnen; bei einer Annahme von 15 Bogenminuten ergibt das etwa 44 mm bei 10 m und etwa 13 cm bei 30 m Entfernung. Im realen Projekt lohnt es sich, diesen Wert zu erhöhen, besonders wenn der Betrachter in Bewegung ist, die Aufschrift nur für einen Moment sieht oder Kontrast und Beleuchtung schlechter sind. Einfluss haben außerdem Schriftart, Strichstärke und Montagehöhe.
Zusammenfassung
Ein gutes Raster ist kein Schmuck, sondern eine einmal getroffene und konsequent eingehaltene Entscheidung: Format, Stege, Zeilenabstand als Einheit, Spalten, Module. Der gesamte übrige Arbeitsprozess wird dadurch schneller, und das Projekt wirkt auch dann stimmig, wenn weitere Seiten hinzukommen.